Cannabis auf Rezept – ein Erfahrungsbericht

Cannabis auf Rezept - Ein Erfahrungsbericht eines Patienten

Gras auf Rezept. Ein Gedanke, der den meisten Kiffern wohl gefallen dürfte. Die Krankenkasse zahlt den Stoff, Polizeikontrollen sind ungefährlich, der Besuch beim eventuell dubiosen Dealer entfällt, man kann endlich wieder über die Straße laufen ohne Paranoid zu sein und am wichtigsten: Man ist kein “Kleinkrimineller” mehr! Doch so einfach und schön wie das klingt ist das alles gar nicht. Ein Erfahrungsbericht.

Zu meiner Person

Noch als ich ein Kind war, wurde bei mir ADHS “diagnostiziert”. Damals hat meine Grundschullehrerin meiner Mutter empfohlen, sie solle doch mal mit mir zum Psychologen und so wurde das erste Mal der Verdacht geäußert. Ich war anders, ja. Ich war auch anstrengend, bestimmt. Aber auf einmal war ich auch “krank”?! Das wäre per se nicht schlimm, aber es war eben keine Grippe. Es war meine Persönlichkeit. Die Ärzte sagten also meine Persönlichkeit ist krank und meine (alleinerziehende) Mutter sah es auch so, man muss mich jetzt mit Chemie Tabletten verändern. Zu meinem Besten, versteht sich. Ich bin leider kein Psychologe geworden um andere Kinder vor diesem Vorgehen zu bewahren, aber einem 11-Jährigen diesen Gedanken in den Kopf zu setzen ist in meiner “kranken” Welt ein nur schwer nachvollziehbar gutes Erziehungsinstrument.

Was folgte waren Jahre der chemischen Keule, Ritalin und Concerta in diversen Stärken. Scheinbar war ich in dieser Zeit tatsächlich “besser”, so zumindest der Erfahrungsbericht meiner Mutter. Die verabreichten Stoffe sind von der chemischen Struktur mit Amphetamin verwandt und besitzen auch ein ähnliches Wirkungsspektrum. An dieser Stelle sende ich einen Gruß an Janssen-Cilag und Novartis, man sollte das ja sicherlich als Erfolg einstufen, irgendwie. Meine Meinung dazu? Man stelle sich nur mal den Schuldspruch des Richters vor, wenn er einen Dealer verknackt, der Amphetamin an 11-jährige vertickt hat. Versteht mich nicht falsch, meine Mutter wusste es nicht besser und ist dem Experten-Rat gefolgt, ich glaube fest daran, dass sie wirklich nur mein Bestes wollte.

Ich schweife ab. Heute bin ich ein 32 Jähriger, erfolgreicher, Business-Manager. Ich habe mich hochgearbeitet, von unten an meine heutige Position als Abteilungsleiter bei einem renommierten deutschen Automobilhersteller. Ich bin verheiratet und stolzer Vater einer 4-jährigen (sehr aktiven) Tochter. Meine Medikamente habe ich vor Jahren abgesetzt. Wie passt das nun mit der Vorgeschichte zusammen? Ich bin Kiffer. Ich sage das, um das Bild des verwahrlosten Kiffers aus euren Köpfen zu streichen, ich bin ein Anzugträger.



Natürlich hat die jahrelange Einnahme der Blocker dazu beigetragen, dass ich bis heute nicht gut mit Konflikten und Enttäuschungen umgehen kann. Ich habe es schließlich nie gelernt, es wurde immer unterdrückt. Ebenfalls bedeutet die Erfahrung für mich, dass ich jeden Arztbesuch vermeide wenn es irgendwie geht und Medizin nur nehme, wenn es absolut nötig ist. Der Laien-Psychiater in mir schreit etwas von Trauma.

Was bisher geschah

Heute geht es mir gut, weil ich kiffe, jeden Tag, seit vielen Jahren. Ich habe nie versucht eine Ausnahmegenehmigung oder ähnliches zu erhalten. Ein guter Freund von mir leidet an MS und ich habe seinen “Krieg gegen die Behörden” miterlebt – als schwerstkranker Schmerzpatient, eine Frechheit. Da wusste ich direkt, welche Chancen ich mir bei ADHS ausmalen kann. Und dafür eventuell irgendwo in irgendeiner Kartei auftauchen? Das war es mir nicht wert.
Unser Gesetzgeber hat die Möglichkeit auf eine Therapie mit Cannabis bisher möglichst effektiv klein gehalten. Wer denkt, dass sich in Deutschland in Sachen Entkriminalisierung oder gar Legalisierung etwas tut, liegt aus meiner Sicht total daneben. Erst durch Gerichte, die kranken Patienten eine Ausnahmegenehmigung zugesprochen haben, sah sich der Staat in der Pflicht etwas zu unternehmen. Nicht etwa um den Patienten zu helfen, Nein, im Gegenteil: Um zu verhindern, dass noch mehr Bundesbürger die Möglichkeit zugesprochen bekommen sich selbst Cannabis anzupflanzen. Soweit zumindest mein persönlicher Überblick über die Geschehnisse. Wenn ich mir irren sollte und etwas total falsch verstanden habe, sagt mir das doch bitte in den Kommentaren! Nichtsdestotrotz ist die Neuregelung ein großer Erfolg für alle kranken und bedeutet einen riesen Schritt in ein selbstbestimmteres Leben.

Seit dem 10.03 kann jeder Mediziner theoretisch ein Rezept für Cannabis ausstellen, sofern er denkt, dass die Therapie für Dich hilfreich sein kann. Scheinbar gibt es eine ominöse Liste an anerkannten Krankheiten, davon habe ich aber bereits mindestens 5 verschiedene geschehen, mal sehr kurz, mal sehr lang. Wichtig war zunächst für mich: Die Ärzte (Hausärzte!) dürfen damit eigenverantwortlich (selbst!) entscheiden, ob eine Cannabis-Therapie sinnvoll ist und verschrieben wird, auch wenn es noch andere, “klassische” Behandlungsoptionen gibt. Der zähe, aufwendige, Zeit und Nerven raubende Prozess, der mich von einer legalen Behandlung abgehalten hat, ist gefallen! Wer nun aber denkt, dass er einfach so mir-nichts-dir-nichts an ein Rezept kommt, die Krankenkasse alles zahlt, der täuscht sich gewaltig.

Was ich denke zu wissen

(keine Garantie, die Angaben sind teilweiße aus dem Internet, teilweiße Aussagen meiner Krankenkasse (BARMER) und teilweiße Aussagen meiner behandelnden Ärztin!)

  • Jeder Arzt darf Cannabis verschreiben
  • Jeder Arzt kann frei entscheiden ob er Marihuana verschreiben möchte
  • Folgende Krankheiten sind “anerkannt” und kommen für eine Cannabis-Therapie in Frage
    • ADHS
    • Epilepsie
    • chronischen Schmerzen
    • Nervenschmerzen
    • Grüner Star
    • Tourette-Syndrom
  • Folgende Therapien stehen wohl auch im Raum
    • gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten
    • bei Rheuma
    • bei spastischen Schmerzen (bspw bei Multipler Sklerose)
  • Folgende Formen darf der Arzt verschreiben
    • getrocknete Cannabisblüten
    • Cannabisextrakte
    • Cannabinoide
  • Dem Patienten können bis zu 100g pro Monat verschrieben werden
  • Die Kosten können von der Krankenkasse übernommen werden, müssen aber nicht
  • Der Antrag auf Kostenübernahme muss vor Therapiebeginn gestellt werden
  • Die meisten Ärzte sind nicht dazu bereit sich mit der Materie auseinanderzusetzen



Was ich (noch) nicht weiß

  • Ich war seit Jahren nicht beim Arzt oder Psychiater, muss ich jetzt wieder erst Jahrelang Ritalin oder Concerta nehmen?
  • Darf ich dann ganz legal Auto fahren, wirklich? Können die das auch nicht widerrufen?
  • Muss ich das meinem Arbeitgeber sagen?
  • Muss ich das meinem Arbeitgeber sagen, wenn ich meinen Firmenwagen behalten möchte?
  • Wird auch das Rauchbegleitmaterial (bspw ein Vaporizer) von der Krankenkasse bezahlt?
  • Darf ich mich dann stoned ins Büro setzen und mein Arbeitgeber kann nichts dagegen tun?

Wie mir die BARMER den Prozess am Telefon erklärt hat

Laut der BARMER, meiner gesetzlichen Krankenkasse, ist der Prozess zum Cannabis-Rezept ganz einfach

  • Beim Arzt vorsprechen, er trifft die Entscheidung ob Cannabis verschrieben werden soll
  • Der Arzt stellt einen formlosen Antrag an die Krankenkasse zur Kostenübernahme (inkl. Begründung warum er es für sinnvoll erachtet und am Besten mit dem Hinweis, dass es kein Patientenwunsch sondern eine ausdrückliche Empfehlung des Arztes ist)
  • Anschließend prüft die der medizinische Dienst (der Krankenkasse?) den Antrag, das dauert bei “normalen” Patienten bis zu 5 Wochen, bei Palliativpatienten soll wohl innerhalb weniger Tage (2-3 Tage) entschieden werden
  • Sofern die Krankenkasse den Antrag ablehnt, hat man natürlich eine Widerspruch-Möglichkeit
  • Ob ich so noch Auto fahren darf, darüber hat sie auch keine Informationen

Alles ist jetzt anders! …oder?

Natürlich habe ich nun Hoffnung gehabt, schnell das ersehnte Cannabis Rezept zu erhalten und direkt unzählige Ärzte angerufen. Ja, unzählige. Der Dämpfer kam schon in der ersten Praxis und zog sich nahtlos weiter: ich wurde bereits am Telefon abgewimmelt – es fielen Sätze wie “Cannabis-Rezepte? Das machen wir aus Grundsatz nicht!” Vergeblich habe ich bei den ersten beiden Anrufen noch versucht zu erklären, dass es doch das neue Gesetz gibt und der Arzt das jetzt darf. Ab dem Dritten habe ich dann nur noch “schade” gesagt und die nächste Nummer gewählt.

Schlussendlich habe ich einen (1!) Arzt gefunden, der sich zumindest bei der Bundesopiumstelle informieren will. Um genau zu sein ist es eine Ärztin. Beim ersten Gespräch war sie sehr leise, sie hat hauptsächlich mir zugehört und ich habe mich zumindest verstanden gefühlt. Sie weiß quasi alles, was ihr oben gelesen habt und vielleicht noch ein bisschen mehr. Von einer bekannten Ärztin wusste sie vom “alten” Prozess, der sie natürlich zunächst zurückschrecken lässt. Ich habe ihr dann wiedergegeben, was ich bisher weiß – und, was ich bisher nicht weiß.

Wie es weiter geht

Am Donnerstag erhalte ich nochmals einen Anruf von meiner Krankenkasse, von dem ich mir weitere Informationen und Hintergründe erhoffe. Meine Ärztin soll ich Ende nächster Woche nochmals anrufen, bis dahin hat sie sich dann informiert und wir schauen wie wir weitermachen.



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